20.08.2019

Es lebe die Vielfalt!

Ein frischer Wind weht durch deutsche Mitarbeiterrestaurants

dummy In den modernen Kantinen findet man sogar Spätzle, veganes Asia Curry & Co
Spätzle mit Soß' oder veganes Asia Curry? In der modernen Kantine hat beides seinen Platz und kommt öfter in Restaurant-Qualität auf den Tisch. Zeit also für einen großen Report übers Essengehen am Arbeitsplatz.
Die Betriebskantine – ein Ort der preisgünstigen Gemeinschaftsverpflegung Die Betriebskantine – ein Ort der preisgünstigen Gemeinschaftsverpflegung

Betriebskantinen stehen oder standen im Ruf "Orte des Schreckens" (Die Zeit) oder sogar "Abfütterungsanstalten" (Der Stern) zu sein. Schade eigentlich, denn sie sind im ursprünglichen Sinn ein Ort der preisgünstigen Gemeinschaftsverpflegung – und in Zeiten des allgegenwärtigen Fachkräftemangels allemal ein wichtiges Argument bei der Wahl des Arbeitgebers, wenn's denn lecker ist. Bei langer Anfahrt, kurzer Pause und harter Arbeit ist ein gutes und preiswertes Mittagessen fast schon Pflicht. Auch will niemand Zeit beim Warten verschwenden und die Geselligkeit darf auch nicht zu kurz kommen.

In den vergangenen 2 Jahrzehnten hat sich in Deutschlands Kantinenlandschaft daher einiges geändert. Sind das überhaupt noch Kantinen? Oder eher Corporate Restaurants? Jedenfalls sitzt man hier gerne zusammen. Salate sind beliebt, das Schnitzel schmeckt nicht nur vom Schwein, sondern auch vom Sellerie. Und dann gibt's auch noch Trends aus Japan, Thailand, Peru und Hawaii. 

Essen à la Fine-Dining-Karte gewinnt in Betriebskantinen immer mehr an Bedeutung Essen à la Fine-Dining-Karte gewinnt in Betriebskantinen immer mehr an Bedeutung

Stilprägend sind hier Kantinen der Weltkonzerne Google, Amazon und Co. geworden. Von der Dropbox-Kantine in Kalifornien ist bekannt, dass es in 2 Jahren kein Gericht zweimal gab, dass die Desserts von superber Restaurant-Qualität sind und dass das Essen für alle Mitarbeiter gratis ist. Welch ein Segen für ein Land, in dem sich nicht einmal alle Top-Leute eine Wohnung leisten können. 

In Deutschland geht der Trend in die gleiche Richtung. Gerade bei den Großen wird in den Betriebsrestaurants – so heißen die Kantinen jetzt – auch immer häufiger die Fine-Dining-Karte gespielt. Eckart Witzigmann startet etwa für BMW das "Eckart Foodlab" und die Traube Tonbach betreibt die Kantine des Stuttgarter Softwareunternehmens Vector. Seit 2013 kocht Harald Wolfahrt, Ex-Küchenchef Traube Tonbach, regelmäßig bei der Firma fischer (die mit den Dübeln) – in der nebenbei gesagt bereits seit 20 Jahren auch vegetarisch gekocht wird. Jedes Mal könne er etwas lernen und die Belegschaft sei begeistert vom Gourmet-Teller für 6 Euro, sagt der Chef der fischer-Kantine Franky Gissinger. Der Impuls für dieses Highlight kam von Firmeninhaber Klaus Fischer. Die Grundidee: Wer gut isst, wer gesund isst, der kann auch gut arbeiten und Leistung bringen.      

In diesem Zusammenhang wird auch nicht mehr nur auf schöne Teller Wert gelegt, sondern auch auf das Drumherum. Aufwendig gestaltete Räume sorgen für Atmosphäre, etwa bei Vitra in Weil am Rhein, wo das eigene Designer-Mobiliar den Mittag versüßt. 

Bei der Commerzbank in Frankfurt und im Berliner Bundestag setzt man auf Front-Cooking-Stationen und in der neuen Bankwirtschaft der Bayerischen Landesbank geht man noch einen Schritt weiter: Der Gast erlebt die totale Transparenz und isst von Churchills Stonecast-Tellern. Die Food-Pavillons sind komplett autark und bieten zum Hauptgericht auch Vor- und Nachspeise sowie Getränke. 50 Mitarbeiter kümmern sich um Gäste auf 700 Plätzen und schicken 2.000 Essen täglich. 

Küchenmeister Georg Hagl sorgt hier täglich für vielfältige Gerichte Küchenmeister Georg Hagl sorgt hier täglich für vielfältige Gerichte

"Das gute Mittagessen gehört zur Work-Life-Balance", sagt Küchenmeister Georg Hagl, der täglich für 500 Essen bei der Lechwerke AG (LEW) verantwortlich ist, einem regionalen Energieunternehmen in Augsburg. Hagl und sein Team verköstigen die eigenen Mitarbeiter sowie Gäste von Unternehmen aus nächster Umgebung, mit denen entsprechende Verträge bestehen. "Die Warteliste ist lang", berichtet Hagl. Zudem essen auch Gäste und Dienstleister im Betriebsrestaurant. So wird die Kantine, wie bei vielen Firmen mittlerweile, zu einer Visitenkarte des Unternehmes, auf die die eigenen Mitarbeiter stolz sind – und Fremde neidisch.    

Parallel zu den "normalen" Gerichten – Fisch, Fleisch, vegetarisch oder vegan – gibt es in Augsburg täglich ein Aktiv-Menü aus Suppe, Hauptgang und Dessert, das nur 550 Kilokalorien hat. Hagl beschriebt, die leichte Vollkost als "nicht zu süß, salzig oder fettig". Jeden Donnerstag können sich die Arbeiter und Angestellten zudem auf Schmankerl freuen. Wenn beispielsweise Italien zur Inspiration für den monatlichen Speiseplan wird, gibt es Spezialitäten, die weit über Spaghetti Bolo hinausgehen. Und es müssen selbstredend nicht immer Kalorien gezählt werden. Das Oktoberfest wird zünftig mit Haxe und Hendl gefeiert. In der Woche darauf gibt's dann wieder lecker-leichte Bowls und frische Trend-Gerichte.