11.11.2016

Care-Branche aus Expertensicht

6. Symposium zur deutschen Gesundheits- und Pflegewirtschaft

Prof. Dr. Dr. Franz-Josef Radermacher war einer der Redner beim Care-Symposium Prof. Dr. Dr. Radermacher
Europa befindet sich im Wandel. Wirtschaftliche und politische Krisen führen zu großen Migrationsbewegungen. Großbritannien verlässt die EU. Wie wirkt sich das auf die deutsche Gesundheits- und Pflegebranche aus? Welche Risiken und Chancen birgt die Veränderung? Auf unserem 6. Symposium Care wurde dies – zusammen mit Branchenexperten – lösungsorientiert diskutiert.

Im Hotel "Hyatt Regency" im Medienhafen in Düsseldorf fanden sich die Geschäftsführer und Leiter großer deutscher Pflege- und Senioreneinrichtungen zu einer Fachkonferenz mit Blick Richtung Zukunft zusammen. In exklusiven Vorträgen prominenter und renommierter Referenten wurde die Frage "Quo vadis Europa?" eingehend beleuchtet. Welche Herausforderungen stellen sich hinsichtlich der wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen  für unseren Staatenverbund? Und welche Auswirkungen treffen mittel- und unmittelbar die deutsche Gesundheits- und Pflegewirtschaft? Dies wurde im Verlauf des Tages beleuchtet und im Dialog diskutiert. WDR-Moderator Tom Hegermann führte die Gäste informativ und unterhaltsam durch den Tag.

Wolfgang Bosbach stellt die Herausforderungen Europas dar Wolfgang Bosbach

Europa braucht uns

Die Situation in unserem aktuellen Europa ist anspruchsvoll. Da waren sich alle Experten einig. Wirtschaftliche und politische Krisen führen zu immensen Migrationsbewegungen mit nachlassender Solidarität und nationalistischen Tendenzen innerhalb der EU. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind daher gemeinschaftlich gefordert, damit Europa gestärkt aus den unterschiedlichsten Krisen hervorgehen kann. Referent Wolfgang Bosbach erklärte, wie wichtig es sei, sich den europäischen Gedanken noch einmal vor Augen zu führen: "Europa steht für Frieden und Freiheit. Nie wieder gegeneinander, sondern gemeinsam miteinander!"

Dr. Rolf Koschorrek ist der Geschäftsführer des deutschen Instituts für fachärztliche Versorgungsforschung Dr. Rolf Koschorrek

Herausforderungen im Care-Bereich

Wie steht die deutsche Gesundheits- und Pflegebranche indes im europäischen Vergleich da? Auch darüber wurde intensiv referiert und diskutiert. Dr. Rolf Koschorrek, Geschäftsführer der DIFA GmbH sprich Deutsches Institut für fachärztliche Versorgungsforschung, zeigte auf, dass die Care-Branche in Deutschland zwar hoch leistungsfähig sei, sich die Kosten für unser Gesundheitssystem im Verhältnis aber viel zu hoch darstellen. "Die Vollversorgungsmentalität ist das Problem", so Koschorrek. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssten unsere Organisationsstrukturen und Systeme überdacht werden: "Ein zu zahlender Eigenanteil für qualitativ hochwertigere Leistungen – ähnlich wie beim Zahnersatz – wäre hier durchaus denkbar und sinnvoll."

Ähnlich sah dies auch Professor Dr. Dr. Radermacher. Der Experte für globale Problemstellungen, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung riet zu "einer Verständigung auf der Mitte." Es werde immer Menschen geben, die weniger oder mehr leisten können. Dass jeder deutsche Bürger weiterhin die maximale medizinische Versorgung erhalte, sieht er zukünftig als nicht leistbar an. Beide Redner apellierten diesbezüglich auch an die Eigenverantwortlichkeit  eines jeden Menschen seine Gesundheit  bestmöglich zu erhalten.

Auch Wolfgang Bosbach, Mitglied des Innenausschusses des Deutschen Bundestages mahnte, dass man nicht alles beim Alten lassen könne: "Wir müssen uns gemeinsam anstrengen, um uns in dieser verändernden Welt zu behaupten." Bezogen auf die Gesundheits- und Pflegebranche gab er jedoch auch zu bedenken, dass man aufhören müsse, ständig das Haar in der Suppe zu suchen, denn es sei schließlich so: "Wer im Ausland im Krankenhaus liegt, möchte sofort nach Deutschland zurück."

Dass Änderungen an unseren sozialen Sicherungssystemen, besonders in Bezug auf den Generationenvertrag dringend notwendig seien, um auch für kommende Generationen eine Grundabsicherung im Renten- und Pflegefall zu garantieren, erläuterte Professor Dr. Raffelhüschen. Der Direktor des Forschungszentrums Generationenverträge an der Universität Freiburg machte das allen Anwesenden am Verlauf der demografischen Entwicklung deutlich. Der deutschen Bevölkerung stehe zukünftig ein Szenario mit vielen älteren Pflegebedürftigen und verhältnismäßig wenigen jüngeren Einzahlern ins System bevor. Für die geburtenstarken Jahrgänge werde der Generationenvertrag nicht funktionieren, weil die notwendige, drastische Erhöhung der Sozialabgaben für die jüngere Generation weder wirtschaftlich tragbar wäre, noch akzeptiert würde. Er plädierte für ein Umdenken.: "Es kann nicht sein, dass immer länger, immer mehr von den Jüngeren gefordert wird!". Stattdessen müsse die jetzige Generation um die 50 noch stärker in die Eigenverantwortung genommen werden. Ebenso sprach er sich in Bezug auf die Migrationsbewegungen für qualifizierten Zuzug aus: "Der, der in unser Land kommt, muss auch etwas geben."

 

 Sven Gábor Jánszky gab einen spannenden Blick in die Zukunft Sven Gábor Jánszky

Blick in die Zukunft

Zum Abschluss des Tages wurden alle Gäste einen Vortrag lang in die Zukunft katapultiert. Trend- und Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky gab faszinierende Einblicke in eine digitalisierte und in höchstem Maße individualisierte Zukunft. Dabei zeichnete er ein realistisches Bild von künstlicher Intelligenz, die – so prognostiziert – auch in der Medizin und Pflege den Menschen ablösen und somit den Fachkräftemangel bremsen kann. Auch eine Neuausrichtung der Datenströme sei zu erwarten. Statt Historien- und Echtzeitdaten werde die neue Dimension aus Zukunftsdaten bestehen. Intelligente Software werde – laut Jánszky – in jeglicher Hinsicht unser Leben bestimmen. Diese Entwicklungen sollten wir alle "nicht als Gefahr, sondern als riesige Chance sehen", appelierte Jánszky.

Wir machen uns auf den Weg

Nach diesem spannenden Veranstaltungstag voller neuer Erkenntnisse und Denkanstöße fand der Geschäftsführer von CHEFS CULINAR – Hans-Gerd Janssen – die richtigen Schlussworte:

"Wir dürfen uns in Deutschland und Europa und in unserem Tun und Handeln nicht in die Vergangenheit verlieben – denn dann werden wir vielleicht für immer Vergangenheit sein. Stattdessen müssen wir uns auf den Weg machen. Denn wo kämen wir hin, wenn jeder sagte: Wo kämen wir hin. Aber keiner ginge, um zu sehen wohin wir kämen, wenn wir gingen."