„KI kennt keine Empathie“
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CHEFS Stories Unternehmen & Branche „KI kennt keine Empathie“

Wenn Science-Fiction zur Realität wird

Autor Frank Schätzing über die Zukunft von Mensch & Maschine

Optimismus fällt nicht immer leicht in einer Zeit der Krisen und Extreme. Das Symposium von CHEFS CULINAR am 20. Mai im World Conference Center Bonn will mit hochkarätigen Referenten Orientierung bieten. Mit dabei: Frank Schätzing, der im Roman Zukunftsvisionen für eine KI-gesteuerte Welt entwirft. Einige davon sind bereits eingetreten. Im Interview gibt der Science-Fiction-Autor schon mal einen Ausblick auf das, was das digitale Zeitalter noch bringen könnte – und darauf, wie wir die Kontrolle nicht an die Maschinen verlieren.

Frank Schätzing

Herr Schätzing, Sie haben sich bereits für Ihr 2018 erschienenes Buch „Die Tyrannei des Schmetterlings“ mit Gefahren und Chancen der Künstlichen Intelligenz beschäftigt. Hat es Sie überrascht, wie schnell sich die Technik weiterentwickelt und verbreitet hat?

Ich war mir sicher, dass es schnell gehen würde mit der Weiterentwicklung, vor allem in Hinsicht auf AKIs (Allgemeine Künstliche Intelligenzen) die Probleme auf Basis eines umfassenden Weltwissens lösen. Meiner Erfahrung nach verbessern sich Technologien nicht in gleichbleibendem Tempo, sondern in Phasen der Beschleunigung nach Phasen der Stagnation, und KI befindet sich gerade in einer rasanten Beschleunigungsphase, deren Beginn wir sehen. Nicht auf dem Schirm hatte ich, dass KI binnen weniger Jahre vom Elitenprojekt zum Breitenangebot werden würde und praktisch jede und jeder generativ damit arbeiten kann.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Ich war immer ein glühender Science-Fiction-Fan, fasziniert von Technologie, Raumfahrt, Robotik und der Möglichkeit exotischer Lebensformen. Das Interesse hat sich über Jahrzehnte verdichtet, ganz besonders an Künstlicher Intelligenz. Generell interessieren mich Themen, über die noch nicht jeder spricht, die sich am Horizont abzeichnen. Ich schrieb die „Tyrannei“, weil ich den Eindruck gewann, als erlebe Künstliche Intelligenz nach einer Phase des Stillstands eine Renaissance. Ich hatte erstmals seit Langem das Gefühl, dass die Wirklichkeit zu den Visionen der Science-Fiction-Autoren aufschloss. Die Ur-Idee zum Roman fußt allerdings auf einem anderen Thema, das mich immer schon fasziniert hat, der Möglichkeit der Paralleluniversen.

CHEFS CULINAR Robotik

Welche Entwicklung im Bereich KI hat Sie zuletzt am meisten beeindruckt?

Ich finde es hochspannend, wie die Bereiche KI und Robotik verschmelzen. Als ich 2010 mit einer Show zu meinem Roman „Limit“ tourte, stellte ich einen humanoiden Roboter vor, eine japanische Entwicklung namens ASIMO, dem es gelang, sehr langsam eine fünfstufige Treppe zu erklimmen, ohne umzufallen. Das war damals das Nonplusultra. Heutige Roboter, etwa von Boston Dynamics, rennen über Stock und Stein, dass Menschen kaum mitkommen. Solche Systeme in Verbindung mit selbstlernenden KI-Systemen werden die Welt radikal verändern – mit gewaltigem, positivem Potenzial. Hinein spielt die Frage, ob KI zu Bewusstsein gelangen kann. Ich denke, die Rasanz, mit der sich der maschinelle Geist entwickelt, schafft dafür einen Teil der Grundvoraussetzung. In Verbindung mit Körpern könnte dieser Geist erwachen.
 

Was beunruhigt Sie beim Thema KI?

Neben den vielen guten Ansätzen, etwa in der Medizin, gibt es bedenkliche Entwicklungen im Bereich der Waffenentwicklung. Das Problem dabei ist weniger, dass Waffensysteme von KI gesteuert werden und Roboter auf dem Schlachtfeld zum Einsatz gelangen. Beides – abgesehen davon, dass Krieg immer Mist ist – kann dazu beitragen, Menschenleben zu schonen, Ziele so präzise ins Visier zu nehmen, dass Kollateralschäden minimiert werden, und Kriege zu verkürzen. Das Risiko liegt im Ausmaß, in dem wir solche Systeme mit autonomer Entscheidungsgewalt ausstatten.

Roboter haben keine Empathie

Wo überschätzen wir Maschinen heute – und wo unterschätzen wir sie?

Wir überschätzen ihre Zugewandtheit. Mittlerweile simulieren Chat-Bots Empathie, verbunden mit Fachwissen etwa im Bereich Lebenshilfe, in einer Weise, dass sie für viele Menschen zu Ratgebern, Vertrauten, Freunden werden. Tatsächlich wissen diese Systeme nicht mal, dass es sie gibt, geschweige denn entwickeln sie Mitgefühl. Dennoch leisten sie wichtige Dienste im sozialen Umfeld, nur muss man sich klar machen: Es sind keine Freunde, keine Mitmenschen, es sind Maschinen. Wiederum unterschätzen wir, wie schnell KI und Robotik unsere Welt verändern werden, wie schnell die AKI kommen wird, die allwissende KI, wie schnell Roboter im Stadtbild normal sein werden. In Deutschland sperren wir uns regelrecht dagegen. Das ist problematisch, denn so verabschieden wir uns immer noch zu oft aus dem Gestaltungsprozess.
 

Sie werden auf dem Symposium von CHEFS CULINAR über menschliche Bedürfnisse sprechen. Welche davon drohen aktuell besonders unter die Räder zu geraten?

Das Individualbedürfnis nach Nähe, Wärme, Zugewandtheit, Empathie, Verständnis. Es gibt ein ständiges Tauziehen in der technologischen Entwicklung: Hier der Zukunftsnutzen für die Allgemeinheit, bei dem einige Einzelne auf der Strecke bleiben. Das war beim Webstuhl so, bei der Dampfmaschine, bei KI nimmt es völlig neue Dimensionen an. Dort der nachvollziehbare Wunsch des Einzelnen, er möge nicht vergessen werden. Um den großen Wurf und Einzelinteressen unter einen Hut zu kriegen, müssen wir beides immer wieder neu gegeneinander austarieren.
 

Welche Zukunft sollen wir anstreben – und welche verhindern?

Ich möchte eine Zukunft, in der es immer mehr Menschen besser geht, weil sie schnellen und preiswerten Zugang zu all den neuen Technologien haben. Heißt umgekehrt, Technologie darf nicht von Eliten gekapert werden, um etwa eine kybernetisch aufgerüstete Superrasse zu erschaffen – klingt nach Science-Fiction, ist aber alles andere als abwegig.