07.06.2017

Fruchtiges Vorzeigeprojekt

So machen Sie Senioren Obst schmackhaft

Die Teilnehmer waren engagiert bei der Sache Bei der Abschlusspräsentation
Grau ist alle Theorie – darauf hatten weder die Verantwortlichen der AWO Gesellschaft für Altenhilfeeinrichtungen mbH, noch die Referentin unserer Akademie Lust. Darum hieß es in dieser Fortbildung: Ärmel aufkrempeln und – mit reichlich Fachwissen versorgt – ran ans eigene Projekt. Die 10 Teilnehmer der 3-teiligen Weiterbildung zum "Ernährungsbeauftragten in der Seniorenverpflegung nach DNQP Expertenstandards" legten los – fachkundig von Consultant Iris Lindemann geschult und begleitet. Sie setzten Aktionen um, die für genau ihre Einrichtung passend und wichtig waren. Einige der Projekte möchten wir Ihnen näher vorstellen und schauen, ob sie dem Alltag standhalten und die erhofften Erfolge nach sich ziehen. Heute präsentieren wir Ihnen das Projekt "Obst – der Mehrwert vom Nährwert".

Obst – der Mehrwert vom Nährwert

Anja Loewe-Feltes, Küchenleitung im AWO Seniorenzentrum Morillenhang, wählte dieses fruchtige Thema. Eins vorweg: Mitarbeiter und Bewohner der Einrichtung sind nachhaltig begeistert. Ziel des Projekts war es, den Senioren die Aufnahme von Vitaminen und Mineralstoffen schmackhaft zu machen und ihre Neugier auf Obst zu wecken. Die Angebotspalette und Darreichungsformen von Früchten sollten vielfältiger werden und der gesundheitliche Nutzen gezielter hervortreten.

Die Küchenleiterin erklärt uns, warum sie genau dieses Projekt entwickelt und umgesetzt hat: "Bisher orientieren wir uns bei der Speisenplanung an den Essgewohnheiten unserer Bewohner. Sie mögen z. B. Hausmannskost und ihren Nachmittagskuchen. Alternativen haben wir in Bezug auf Nährwerte, Ballaststoffe, Vitamine und Mineralien kaum berücksichtigt. Es gibt oft nur sehr süße oder fette Speisen mit leeren Kohlenhydraten. Die Art und Weise wie wir Obst bisher angeboten haben, entsprach oft nicht den individuellen Bedürfnissen. Gängige Sorten wie Apfel, Birne und Kiwi lehnten die Senioren häufig ab. Denn sie empfinden sie als zu fest, zu sauer oder zu hart."

So sieht das Projekt konkret aus

Ins Rennen gingen an jeweils einem eigenen Aktionstag Apfel, Birne, Banane und Kürbis. Kürbis? "Ja, dabei handelt es sich nämlich im biologischen Sinne um eine Beere", lässt uns Anja Loewe-Feltes wissen. Durch die Zubereitung von Smoothies, Sorbets, Flammkuchen, Obst-Chips, kandierten oder getrockneten Früchten und vielem mehr gab es die unterschiedlichsten Konsistenzen und Kombinationen zu probieren. Das Obst kam sowohl süß als auch herzhaft daher. "Der Flammkuchen mit Birne und Speck fand viel Anklang", hören wir aus Morillenhang.

Im Speisesaal gab es an den Aktionstagen sämtliche Varianten zu kosten. Die mobilen Bewohner griffen begeistert zu. Das Pflegepersonal, Betreuungskräfte und der Soziale Dienst unterstützten die restlichen Gäste, damit auch sie sich durch die verschiedenen fruchtigen Darreichungsformen schlemmen konnten.

Für den Demenzbereich gab es eine Fingerfood-Station, denn die Wohnbereichsleitung bevorzugte es, die Speisen selbst zu verteilen, um den Überblick zu behalten. Die Rückmeldung war durchweg positiv. Das angebotene Fingerfood kam bis auf wenige Ausnahmen – wie ungeschwefeltes Trockenobst oder Chicorée mit Mandarinen-Dipp – gut an.

Beteiligte Stellen

Nach Genehmigung seitens der Einrichtungsleitung wurden sämtliche Aufgaben durch Frau Loewe-Feltes verteilt. Einbezogen wurden die Pflegedienstleitung, die Wohnbereichsleitung, die Verwaltungs- und Empfangsmitarbeiter, der Soziale Dienst und die Qualitätsbeauftragte.

Durch das hohe Maß an Eigenmotivation und Begeisterung für das vorgeschlagene Projekt bei allen Mitarbeitern ist die gesamte Durchführung nahezu reibungslos verlaufen. Bei einem ersten Treffen der Projektgruppe wurden die Rahmenbedingungen für den Gesamtablauf gesteckt und die Aufgaben verteilt. Dann gab es ein Kick-off-Meeting, wo konkrete Materialen und Flyer vorgestellt wurden – und es konnte losgehen.

Den Aufwand hatte Frau Loewe-Feltes allerdings im Vorfeld etwas unterschätzt. Ihre veranschlagte Arbeitszeit  von 40 Stunden war zu knapp bemessen, die Recherche bzw. die Vorarbeiten und die praktische Umsetzung dauerten ungefähr 60 Stunden. Die Kosten für die Zutaten überstiegen das Budget um 20 Euro. Die Gründe dafür lagen zum einen an den höheren Einkaufspreisen für spezielle Zutaten wie Kürbiskernöl oder schwefelfreie Trockenfrüchte, zum anderen daran, dass im Winter, als die Aktionen starteten, noch keine Saison für heimisches Obst war. Doch der Aufwand hat sich gelohnt!

Fazit in Morillenhang

Wir wollen natürlich wissen, ob Frau Loewe-Feltes ihr Ziel erreichen konnte. Verbesserte sich die Haltung der Senioren zum Thema Obst? Sie verrät uns: "Im Laufe des Aktions-Zeitraums steigerte sich das Interesse der Bewohner und Mitarbeiter sogar von Woche zu Woche stetig. Bewohner fragten, was es beim nächsten Mal geben würde. Mitarbeiter von den Wohnbereichen schauten vorbei und informierten sich. Eine tolle Bestätigung!" Die Neugier auf neue Aktionstage zeigt, dass das Projekt ausbaufähig ist. Nun wird es einen Obsttag pro Monat geben, an dem je eine saisonale Frucht im Fokus steht.

Anja Loewe-Feltes erzählt begeistert: "Unsere Bewohner zeigten sich interessiert und aufgeschlossen bei den etwas anderen Verkostungen. Es konnte beobachtet werden, dass sich die Senioren untereinander unterhielten und eigene Obstgeschichten zum Besten gaben." Besonders gut kamen die herzhaft-süßen Alternativen an, wie z. B. gebackener Kürbis mit Dip, Bananen im Speckmantel, Flammkuchen mit Kürbis, Apfel oder Birne. Exotische Varianten wurden als schmackhaft beschrieben, z. B. Banane mit Curry oder Kurkuma und Senf im Blätterteig. Der gute Gesamteindruck zeigte sich auch statistisch: 91 % der angebotenen Speisen erhielten das Urteil "sehr schmackhaft".

Die als besonders lecker empfundenen Darreichungsformen von Obst werden nun auch in den regulären Speiseplan einfließen, z. B. gibt es Bananenbrot als Kuchenersatz! "Das spart Zucker und wir können überreife Bananen verwerten und müssen nichts wegwerfen", erläutert die Küchenleitung.

Positiver Nebeneffekt: Durch dieses Projekt wurden wichtige Vernetzungen erreicht, wie z. B. mit dem Sozialen Dienst, Pflegekräften und Betreuungskräften. Weitere gemeinsame Aktionen sind geplant. Die enge Zusammenarbeit mit den einzelnen Schnittstellen hat das Kommunikationsverhalten nachhaltig gefördert.

Impressionen der fruchtigen Aktionstage

Der Lehrgang zum "Ernährungsbeauftragten in der Seniorenverpflegung" – Umsetzung des DNQP-Expertenstandards

Anja Loewe-Feltes bestätigt uns, dass der Lehrgang ihr eine große Unterstützung bei der Umsetzung des Projekts war und sie unheimlich viel tiefes Fachwissen mitnehmen und verinnerlichen konnte. "Sehr hilfreich für die tägliche Arbeit waren z. B. Informationen über die Ernährungsmöglichkeiten bei Laktoseintoleranz. Wie viel Laktose enthält Quark oder Käse? Wie viel können auch intolerante Gäste davon vertragen? Es war echt ein super Lehrgang. Frau Lindemann kann so gut erklären, sodass man die Inhalte wirklich versteht und verinnerlichen kann. Anschließend hat man das Wissen parat und kann es im Alltag anwenden."

Renate Segschneider, Koordinatorin für Unterkunft und Verpflegung bei der AWO Gesellschaft für Altenhilfeeinrichtungen mbH, erklärt, was den Lehrgang besonders wertvoll macht. Denn neben dem direkten Erfolg durch das eigene Projekt nehmen die Teilnehmer noch mehr mit. "Dadurch, dass jeder der Teilnehmer ein anderes Projekt umsetzt, lernen alle voneinander und können als Multiplikator die unterschiedlichen Ansätze mit in ihre Häuser nehmen. So wird der Mehrwert vervielfacht." Miteinander und voneinander lernen – das klingt wirklich gut.

Unsere Fachfrau für Seniorenernährung Iris Lindemann erteilt ihren Teilnehmern ein sehr gutes Zeugnis. "Die Umsetzung der unterschiedlichen Projekte zeigt, dass in der Praxis wirklich Verbesserungsbedarf bestand, den wir hier nachhaltig angehen konnten. Alle Einrichtungen werden langfristig von den Veränderungen profitieren können. Genau das wollten wir erreichen." Das Knüpfen von Kontakten in der eigenen Einrichtung sieht sie als einen entscheidenden Nutzen der Projekte aus ihrem Lehrgang: "Die Teilnehmer werden in ihrem Haus bekannter. Sie kommen aus der Küche raus", erklärt sie uns. Denn im Alltag in Heimen und Kliniken hapert es häufig an der Kommunikation zwischen den Mitarbeitern, die Kontakt zu den Gästen haben, und der Küche. Unsere Expertin erklärt: "Abteilungsübergreifende Gespräche und regelmäßiger Kontakt bringen Erkenntnisse, die teils banal scheinen, jedoch ganz konkrete Lösungen und Verbesserungen nach sich ziehen, und das ist super."

Zur Abschlusspräsentation waren die Heimleitungen und Hauswirtschaftsleitungen der Teilnehmer eingeladen. Jedes Projekt wurde 30 Minuten lang vor allen vorgestellt und es gab die Möglichkeit für Lob, Kritik und Fragen. Die Präsentierenden bekamen viel Anerkennung und Wertschätzung aus der Riege der Vorgesetzten und auch von Stephan Enzweiler, der stellvertretend für die Geschäftsführung der GesA anwesend war.

Wir gratulieren dem Seniorenzentrum Morillenhang zu diesem tollen Projekt und wünschen allen weiterhin viel Freude am Obst!

Die Teilnehmer des AWO-Seminars Die erfolgreichen Teilnehmer des Lehrgangs und Iris Lindemann (ganz rechts)

Die 10 Projekte

Diese 10 Themen wurden im Lehrgang erfolgreich konzeptioniert und umgesetzt

  • Neue Küche – neue Wege … vom organisierten Neustart der Küchen …
  • Zwischenmahlzeiten in der Seniorenverpflegung – Erhöhung des Frischegrades
  • Obst – der Mehrwert vom Nährwert
  • Mengenangaben der Essensanforderungen organisatorisch durchleuchten und überprüfen
  • Heißes Essen – von der Küche bis hin zum Bewohner
  • Appetitliches Aussehen der pürierten Kost
  • Ernährung von Demenz-Kranken
  • Schnittstellenmanagement Küche – Pflege
  • Optimierung des Speisenangebotes auf der Demenzstation
  • Ernährung für Demenz-Kranke mit hohem Bewegungsdrang (Läufer)

Fortsetzung folgt ...

In einigen Wochen stellen wir Ihnen das Projekt "Mengenangaben der Essensanforderungen organisatorisch durchleuchten und überprüfen" vor. Es zeigt, wie Sie gleichzeitig Jobs schaffen, Geld sparen und der Verschwendung von Lebensmitteln entgegenwirken.

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